Fachkräfte gesucht: Versicherer als IT-Arbeitgeber

Die IT ist für das operative Geschäft der Versicherer essenziell, Fachkräfte in der Branche dringend gesucht. Was können Versicherer tun, um Nachwuchs an Bord zu holen? Ein ExpertInnengespräch
Azubis, Führungskräfte// 15. Dezember 2020

Die IT ist für das operative Geschäft der Versicherer essenziell – nicht erst seit der Corona-Krise. Home Office, Webkonferenzen und Co. sind fester Bestandteil der neuen Arbeitswelt und gut ausgebildetes, qualifiziertes IT-Personal dringend gesucht. Das bekommen besonders auch Versicherer zu spüren. Ein Bericht von Agnes Magdalena Speil, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. und Dr. Michael Konrad von der Stuttgarter Lebensversicherung a.G.

Nachwuchs dringend gesucht

IT-Fachkräfte sind gefragter denn je. Die fortschreitende Digitalisierung in allen Lebensbereichen und der demografische Wandel verschärfen den Mangel an IT-Fachkräften zusätzlich und machen Unternehmen schwer zu schaffen.

Agnes Magdalena Speil, GDV e.V.

Davon bleibt auch die Versicherungswirtschaft nicht verschont, berichtet Agnes Magdalena Speil, Expertin für Nachwuchsgewinnung in der IT beim GDV.
„In den kommenden 10 Jahren werden ca. 50% der IT-Angestellten der Branche in den Ruhestand gehen, während die Versicherer gleichzeitig jährlich Milliarden in ihre IT investieren. Doch ihnen fehlt es mehr und mehr an qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die IT, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern.“

„Die Digitalisierung der letzten Jahre hat die Nachfrage nach IT-Spezialisten weiter angeheizt“, bestätigt Dr. Michael Konrad, Leiter IT der Stuttgarter Lebensversicherung a.G. „Freie Stellen zu besetzen ist für die Branche eine große Herausforderung, gilt sie doch eher als traditionsbewusst und hat im Vergleich zu Unternehmen aus anderen Wirtschaftsbereichen aus Sicht junger IT-Fachkräfte nicht so ‚coole’ Produkte wie z. B. große internationale IT-Konzerne. Zudem wird das klassische Produkt eines Versicherers nicht mit IT in Verbindung gebracht“, so Konrad.
Ändern könne man dies beispielsweise durch eine stärkere Präsenz an Hochschulen, durch gemeinsame Projekte, bei denen Studierende früh mit Versicherern in Kontakt kommen und ein neues Bild der Branche und ihrer IT-Landschaft gewinnen könnten.

Dr. Michael Konrad, Stuttgarter Lebensversicherung a.G.

Bei IT-Talenten punkten

Die Zeiten haben sich verändert: Heute bewerben sich junge Menschen nicht mehr aktiv bei potenziellen Arbeitgebern, sondern wollen über Social Media-Kanäle von den Unternehmen gefunden und angesprochen werden. „Bewerbungen sollen bequem, schnell und ohne großen Aufwand sein. IT-Fachkräfte wissen um ihren Stellenwert auf dem Arbeitsmarkt und haben gegenüber den Unternehmen eine gute Verhandlungsposition“, so Speil.
„Im Vergleich zu älteren Generationen ist es zu einer deutlichen Werteverschiebung gekommen“, fügt sie hinzu. „Junge Menschen wollen einen Sinn in ihrer Arbeit erkennen, einen modernen Arbeitgeber, flache Hierarchien und eine Vereinbarkeit des Berufes mit dem Privatleben. Vielen ist auch ein sicherer Arbeitsplatz wichtig, mit dem sie langfristig für ihre Zukunft planen können. Was viele nicht wissen: Genau dies bieten die Versicherer. Wir nennen es ‚Liebe auf den zweiten Blick’, denn Umfragen in der Branche bestätigen: Wer einmal als ITler in der Branche arbeitet, der bleibt!“

Darüber hinaus bieten Versicherer eine große IT-Landschaft mit anspruchsvollen IT-Systemen, vielen verschiedenen Technologien und IT-Produkten fast aller namhaften Hard- und Software-Anbieter. Ein besonderes Merkmal der Versicherungs-IT ist außerdem die Langlebigkeit ihrer IT-Landschaft.

„Die Systeme in Versicherungsunternehmen müssen 30 bis 40 Jahre, zum Teil auch länger, reibungsfrei funktionieren und in modernere Systeme integriert werden können“, berichtet Konrad und ergänzt: „Die Optimierung von Geschäftsprozessen und die damit verbundene fachliche und technische Orchestrierung sind weitere interessante Aufgaben in der Versicherungs-IT. Und nicht zuletzt gibt es aufgrund der Größe und der Komplexität der IT-Landschaften bei uns einige Profile, die sonst eher selten zu finden sind: IT-Security-Spezialisten, Supplier-Manager, Scrum-Master, Data Scientists und viele mehr.“

Neue Berufsbilder – vielseitige Einsatzfelder – neue Anforderungen

Die zahlreichen neuen Berufsbilder in der IT stellen neue Anforderungen an die Fachkräfte. „Viele Berufsprofile in der IT sind erst in den letzten Jahren entstanden. Der Bedarf ist aber bereits heute so groß, dass es schwer ist, geeignete Talente für diese Jobprofile zu finden. Oft gibt es noch keine adäquate Ausbildungsmöglichkeit oder die ersten Jahrgänge machen gerade erst ihren Abschluss“ erklärt Speil. „IT-Fachkräfte müssen zusätzlich zum technischen auch das fachliche Handwerk verstehen. Daneben sind Soft Skills wie Teamfähigkeit, die z. B. für Arbeitsmethoden wie DevOps (→ Glossar) wichtig ist, für eine erfolgreiche Bewerbung von Bedeutung.“

„Für Mitarbeitende von Versicherern gibt es ein breites Angebot von Weiterbildungsmöglichkeiten durch die Ausbildungseinrichtungen der Versicherungswirtschaft“, betont Dr. Konrad. Gerade im Bereich der Digitalisierung mit ihren dynamischen technologischen Entwicklungen bieten sich Weiterbildungen an. Und da die Versicherungs-IT äußerst vielseitig ist, gibt es laut Dr. Konrad gute Möglichkeiten, sich innerhalb des Unternehmens weiterzuentwickeln und sich neuen Herausforderungen zu stellen ohne Arbeitgeber oder Wohnort wechseln zu müssen.

Fachkräfte aktiv ansprechen

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken müssen Versicherer laut Speil dahin gehen wo der Nachwuchs ist, zum Beispiel auf Bewerbermessen.
Noch wichtiger aber sei eine engere Kooperation direkt mit den Hochschulen. Denn gerade dort gibt es viele Möglichkeiten mit den Nachwuchstalenten in Kontakt zu kommen: in Form von Projekten, Stipendien, Gastvorträgen oder klassisch z. B. via Praktikum. Damit die IT-Nachwuchskräfte schon früh die Versicherungs-IT und ihre abwechslungsreichen Aufgaben kennenlernen; damit sie erkennen, dass die Versicherungsbranche ein moderner und innovativer Arbeitgeber ist und sich im besten Fall schon frühzeitig als neues IT-Personal für die Branche gewinnen lassen.



Agnes Magdalena Speil studierte Staats- und Europawissenschaften in Passau und Salzburg. Nach Stationen u. a. in Brüssel, arbeitet sie seit 2019 beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV). Neben europäischer Cybersicherheit und Digitale Identitäten, betreut sie im GDV auch das Thema Nachwuchsgewinnung in der IT.

Dr. Michael Konrad ist IT-Leiter bei der Stuttgarter Versicherungsgruppe. Nach dem Studium der Physik promovierte er 1997 am Max-Planck-Institut für Physik. Seit März 2012 arbeitet Dr. Michael Konrad bei der Stuttgarter, wo er konzernweit die IT verantwortet.

 

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