Sicherer fahren, weniger zahlen

Telematik-Tarife: Wie aus Big Data Smart Data wird und wie Versicherungskunden von ihren Daten profitieren
Azubis, Sachbearbeiter// 09. Oktober 2019
 

Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung sind schon seit einigen Jahren auf dem Markt. Im europäischen Vergleich sind die Deutschen Autofahrer jedoch zurückhaltend, wenn es darum geht, individuelle Daten aus dem Fahrzeug an die Versicherung weiterzugeben.
Hinter den Kulissen wird hierzulande diskutiert, wem die von der Bordelektronik gesammelten Daten gehören und wer die Verfügungsgewalt darüber hat. Was das Auto alles weiß, zeigt eine Grafik des GDV:

Das voll vernetzte Fahrzeug, neu-deutsch: Connected Car, ist im Auto-Mittelstand angekommen. Was das Auto alles weiß, zeigt die Grafik vom GDV (→ größere Ansicht). © GDV/Positionen-Magazin.

Connected Car heißt das voll vernetzte Fahrzeug, das mittlerweile (fast) schon zum Neuwagen-Standard gehört. Technologien, die darauf setzen, aus den gesammelten Fahrzeugdaten einen Mehrwert zu generieren, operieren weltweit in einem Milliarden schweren Markt. Ein Versicherungstarif, dessen Beitragshöhe sich nach der individuellen Fahrweise bemisst, ist nur ein Aspekt davon.

PAYD: Pay as you drive

Wer vorsichtiger fährt, hat eine geringere Schadenwahrscheinlichkeit und erhält im Gegenzug einen Rabatt auf den Versicherungsbeitrag. Vorsichtiges Fahren definiert sich dabei anhand folgender Kriterien, die sich je nach Versicherer unterscheiden und/oder unterschiedlich gewichtet werden.

  1. Abstand
    Wer zu dicht auffährt, hat ein höheres Unfallrisiko
  2. Geschwindigkeit
    Wird die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten?
  3. Beschleunigung, Brems- und Lenkverhalten
    Aus diesen Daten kann vorausschauende, also sichere Fahrweise herausgelesen werden
  4. Tageszeit
    Fahrten im Berufsverkehr oder Nachts haben ein höheres Unfallrisiko
  5. Wegstrecke
    Je länger die Fahrt, desto ermüdeter der Fahrer, desto höher das Unfallrisiko

Wie einfach das funktioniert erklären Dr. Thomas Körzdörfer, Datascientist bei der HUK-COBURG, und der Motorexperte Jens Kuck. Abstand und Wegstrecke sind im Telematik-Tarif der HUK-Coburg kein eigenes Kriterium:

Pay as you brush

Individualisierte, datengetriebene Tarife sind aber auch in anderen Versicherungssparten auf dem Vormarsch, zum Beispiel in der Krankenversicherung. Als Gegenleistung für die Herausgabe von Daten winken auch hier Vergünstigungen oder Sonderleistungen. Ein Beispiel dafür ist Beam Brush, eine smarte Zahnbürste, die auf dem US-amerikanischen Markt mit einer Corporate-Zahnversicherung gekoppelt ist: Putzen die Mitglieder einer relevanten Gruppe, also die MitarbeiterInnen eines Unternehmens, regelmäßig und gründlich ihre Zähne, sinkt der Beitrag zur Zahnversicherung.

Big Data wird zu Smart Data

Ob Auto oder Zahnbürste: Grundlage für solche individuellen Tarife sind Daten, Daten und noch mehr Daten. Wie aus Big Data schließlich Smart Data wird, zeigt eine einfache Formel:

Big Data Smart Data
Der Nutzen in der Formel ist das, was mit den Daten erreicht werden soll, und Semantik meint die Art und Weise der Auswahl bzw. Analyse unter Einhaltung der Anforderungen für Sicherheit und Datenschutz. © BWV Bildungsverband 2019

Hauptkritikpunkt von Daten- und Verbraucherschützern an derartigen Modellen: Die Bewertungskriterien seien nicht immer transparent. Vor allem aber könnten datengetriebene Versicherungsmodelle zu einer schleichenden Diskriminierung führen – weil die individuelle Situation gar keine Chance lässt, die eigene Bewertung zu verbessern.

Wer zum Beispiel im Schichtbetrieb arbeitet, wird Nachtfahrten, die eine ungünstige Bewertung haben, kaum vermeiden können. Auch wer in Ballungsgebieten wohnt oder dort beruflich viel unterwegs ist, hat keine Chance auf maximale Vergünstigung.
Ist aber nicht gerade die hochgradige Individualisierung, also die Berücksichtigung und Verrechnung gerade dieser vermeintlich diskriminierenden Faktoren, ein Kennzeichen von Telematik-Tarifen? Einfacher gefragt: Lassen sich solche vermeintlichen Nachteile durch entsprechende Gewichtung ausgleichen?

Die HUK-Coburg meint dazu: „Nachtfahrten oder auch Fahrten in Ballungsgebieten werden im Telematik Plus Tarif der HUK COBURG nicht grundsätzlich ungünstiger behandelt als andere Fahrten. Ort und Zeit der Fahrt fließen lediglich in der Kombination mit riskantem Fahrverhalten in die Bewertung mit ein.
Einfach gesagt: Wer nachts bei schlechten Sichtverhältnissen rast, erhöht sein Unfallrisiko signifikant. Dies hat dann natürlich Auswirkungen auf den Fahrwert. Wer aber seine Fahrweise immer der Situation und den Verkehrs- und Sichtverhältnissen anpasst, erreicht auch trotz vieler Nacht- und/oder Stadtfahrten einen optimalen Fahrwert. Somit hat jeder Kunde stets die Möglichkeit, seinen persönlichen Fahrwert durch Änderung seines Fahrverhaltens zu verbessern.

Wir arbeiten stetig daran, das Kundenfeedback transparent, übersichtlich und einfach zu gestalten und unsere Kunden so dabei zu unterstützen, riskantes Fahrverhalten und damit auch Unfälle zu vermeiden. Der Abstand übrigens, den Sie eingangs erwähnt haben, ist bei der HUK-Coburg kein eigenes Kriterium und wird auch nicht gemessen. Relevanter ist für uns das Bremsverhalten, das indirekt Aufschluss über den Abstand gibt. Die zurückgelegte Wegstrecke wird zwar gemessen, ist für unseren Telematik-Tarif aber irrelevant.

Zum Punkt der Diskriminierung ist grundsätzlich zu sagen, dass Telematik-Tarife tatsächlich sogar weit fairer sind als klassische Tarifmerkmale. Hier zählt wirklich nur das Fahrverhalten des Kunden, während wenig bis gar nicht beeinflussbare soziodemografische Faktoren wie Alter, Einkommen, Beruf, Wohnort etc. für den Fahrwert keine Rolle spielen.“

 

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