Innovationen im Test

In einem Ladenlokal, einem offenen Forschungslabor in der Nürnberger Innenstadt, holen Unternehmen ein erstes Feedback aus dem Markt ein. Was kommt dabei heraus?
Führungskräfte// 28. Februar 2019

In vielen Versicherungsunternehmen arbeiten zurzeit interdisziplinäre Teams an der Entwicklung digitaler Services und Produkte. Mit Design Thinking werden erste Ideen zu einem Prototypen verdichtet. In iterativen Prozessen wird dieser in Frage gestellt und optimiert oder, die Option besteht grundsätzlich auch, als nichttragfähige Lösung verworfen.

Der Haken dabei: Die Iterationen finden in aller Regel nur in den Unternehmen statt. Dem harten und unwägbaren Urteil der KundInnen entzieht sich dieser Prozess.
Das JOSEPHS in der Nürnberger Innenstadt, ein Projekt der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS) in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, schließt genau diese Lücke. Auf wechselnden Forschungsinseln testen große und kleine Unternehmen neue Konzepte, Prototypen und Ideen und sammeln wertvolles Feedback von BesucherInnen für die Weiterentwicklung.

Frau Schmidt, Sie verantworten den Forschungsbereich im JOSEPHS. Haben die NürnbergerInnen jetzt einen Informationsvorsprung in Sachen Innovationen? Wie wird das Konzept angenommen?

Auf die Nürnberger, die zu uns kommen, trifft Ihre erste Frage auf jeden Fall zu. Wir haben Stammkunden, die unsere neuesten Innovationen testen wollen. Aus Unternehmen kommen größere Gruppen vorbei, um sich inspirieren zu lassen, gerade im Juli überrennen uns Schulklassen, die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hält hier Vorlesungen ab, Touristen wollen unser einzigartiges Konzept genauer kennenlernen – das JOSEPHS wird also gut angenommen.

Zusätzlich zu diesen Besuchern haben wir auch Unternehmen als Zielgruppe, die im JOSEPHS ihre innovativen Produkte und Dienstleistungen testen wollen. Dabei muss es sich nicht um einen fertigen Prototypen handeln, es kann genauso gut zunächst einmal eine Idee oder Fragestellung sein, die das Unternehmen vorgibt…

Das JOSEPHS gibt es in dieser Form einzig und allein in Nürnberg. Einige Institutionen haben bereits danach gefragt, ob sie dieses Konzept übernehmen können. Wir sind offen für alles und unterstützen gerne Initiativen, die etwas JOSEPHS-ähnliches aufbauen wollen. Josephs Hubs in jeder Stadt zu errichten, ist erstmal ein Gedanke für die spätere Zukunft.

Dienstleistungen und Services von Finanzdienstleistungsunternehmen sind nicht unbedingt Publikumsmagneten. Warum kommen die Menschen trotzdem zu Ihnen?

Vielen Unternehmen wird gerade bewusst, dass sie etwas tun müssen. Durch die Digitalisierung mit ihrem rasanten Tempo, dem Internet of Things (→ Glossar), der VUCA-Welt und den vielen kleinen, wendigen Start-ups, die großen Unternehmen Marktanteile wegschnappen, wird das Thema Innovation immer wichtiger.

Viele Personen kommen im Business-Kontext mit ihren Kollegen, um sich inspirieren zu lassen. Diejenigen besuchen zumeist auch unsere kostenfreien Abendveranstaltungen, bei denen es genau um diese Digitalisierungsthemen geht. Die Privatpersonen wollen neue Dinge entdecken, ihre Meinung dazu kundtun oder sich über aktuelle Projekte informieren. Eine ältere Dame sagte einmal: „Ich möchte mit meinen Enkeln mithalten können und wissen wovon die da genau reden.“

Sie haben im vergangenen Herbst für ein Versicherungsunternehmen die Akzeptanz verschiedener Kommunikationskanäle erforscht. Wie aufgeschlossen sind die Menschen Ihrer Meinung nach für die Veränderungen in unserer Branche?

Wir beobachten in der Versicherungsbranche eine große Offenheit. Schließlich betrifft das Thema ja auch jeden. Generell wird die Branche aber eher als „trocken“ angesehen. Es wird bei uns positiv bewertet, dass sich auch diese Unternehmen ihren Kunden gegenüber öffnen. Menschen sind daran interessiert, bessere Produkte und Dienstleistungen zu nutzen. Zu Zeiten, in denen alles per App, on demand individuell abrufbar ist, möchte man neue Konzepte in der Versicherungsbranche sehen. Konzepte, die individuell sind und Spaß machen.

Hat die klassische Marktforschung durch das, was das JOSEPHS leistet, ausgedient?

Ich komme aus der qualitativen Marktforschung und würde das so nicht sehen. Es kommt wie immer auf die Fragestellung an. Außerdem ist Marktforschung nicht nur Skalenbewertungen rauf und runter, sondern auch da gehen qualitative Marktforscher innovative Wege.

Im JOSEPHS geht es vor allem um die Ideenentwicklung und nicht um eine Status-quo Bewertung. Wenn ein Unternehmen einen Prototypen testet, wollen wir, dass dieser als Inspiration gesehen wird, die Besucher aber daraufhin ihre eigenen Vorstellungen zu dieser Idee entwickeln. Und das kann bei uns jeder, der möchte. Wir nennen diese Besucher Co-Kreatoren, Menschen die mitentwickeln wollen. In der Marktforschung hingegen bestimmt das Unternehmen die Zielgruppe, die befragt werden soll. Und dabei können viele Ideen von Menschen, die gar nicht gefragt werden, leider verloren gehen.

Vielen Dank, Frau Schmidt.

Zur Person: Rebekka Schmidt ist Produktverantwortliche Innovation Lab Science im 2014 gegründeten JOSEPHS, einem Projekt der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS) des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen IIS in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Das offene Innovationslabor trägt seinen Namen zu Ehren des Münchner Gelehrten Joseph von Fraunhofer (1787-1826), einem der Pioniere der (Natur-)Wissenschaften und Namensgeber der Fraunhofer-Gesellschaft.

Discover Digital hat bei einigen Versicherungsunternehmen nachgefragt, die sich mit ihren Ideen im JOSEPHS präsentiert haben:
Praxistest: MitMachMedien (Nürnberger Allgemeine, Nürnberger Krankenversicherung)
Praxistest: Vernetzte Gesellschaft (Versicherungskammer Bayern)

 

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