Angepingt

Werden die 20er Jahre die Dekade der Asiaten? Digitalisierung hat dort ganz andere Dimensionen. Ping An und Co leben vor, was hier als reine Option diskutiert wird.
Führungskräfte// 12. Februar 2020
 

Wie ein Ausrufezeichen steht der 600 Meter hohe Bürotower von Ping An in der chinesischen Metropole Shenzhen. Hoch oben residiert Peter Ma Mingzhe, der in knapp dreißig Jahren ein Versicherungsunternehmen aufgebaut hat, das heute mindestens auf Augenhöhe mit den Global Playern ist. Dabei versteht sich Ping An längst nicht mehr nur als Versicherungs- sondern vielmehr als Technologieunternehmen, das mit den Daten seiner KundInnen immer neue Produkte, Services und Leistungen entwickelt.

Dominiert nicht nur die Skyline von Shenzen: Das Ping An International Finance Center © Ping An

WeChat, Alibaba, Baidu, ByteDance, Ping An – die Big Player in China haben ihre Hausaufgaben gemacht: Nach westlichem Vorbild stampfen diese Unternehmen mit asiatischem Fleiß wahre Techgiganten aus dem Boden. „Ping An ist Weltmarktführer, wenn es darum geht, neuartige Technologien schnell und flächendeckend einzusetzen. Sie sind sehr viel weiter als etwa die Axa oder Allianz,“ schreibt das Manager Magazin (November 2019).

Übersicht über einige der großen chinesischen Techkonzerne (→ größere Ansicht) © 2020 BWV Bildungsverband

Schnell lernen, adaptieren und realisieren sind die Geheimnisse des Erfolgs: Ping An ließ sich anfänglich von Oliver Bäte beraten, als dieser noch Partner bei McKinsey war. Heute versucht Oliver Bäte als CEO der Allianz Teile des Ping An Modells auf seinen Konzern zu übertragen. Denn in puncto Umsatz, Nettogewinn und Börsenwert hat Ping An die Allianz bereits abgehängt. Gemessen an der Marktkapitalisierung ist das Unternehmen aus Shenzhen der größte Versicherer weltweit.

Eine App für alles

Ein anderes Geheimnis des Erfolgs: Die hohe Affinität der rund 1,4 Milliarden ChinesInnen zu digitalen Angeboten. Das Smartphone ist fester Bestandteil im Alltag – und das nicht nur in den Ballungsgebieten. Für private und berufliche Verbindungen sorgt WeChat bzw. Weixin von Tencent – ein Universum aus über 600.000 Miniprogrammen, die wie Apps in der App funktionieren, dabei aber nahtlos ineinandergreifen.

WeChat ist Messenger- und Social-Media-App, Shopping-Portal, Bezahlsystem (WeChat Pay), Plattform zum Austausch von Informationen, Daten und Fotos mit GeschäftspartnerInnen und FreundInnen. WeChat ist in China ein Must Have im Alltag, die entsprechende ID, die digitale Visitenkarte. Mit dem dazugehörigen QR- bzw. Barcode sammeln Bedürftige auf der Straße sogar Spenden.

Touristische Ziele in Europa und Deutschland haben längst das Potenzial von WeChat erkannt und steuern eigene Dienste bei, zum Beispiel Geolocation-Dienste, Audioguides und bieten WeChat Pay als zusätzliche Bezahlmöglichkeit an – vermehrt auch Alipay, das Bezahlsystem der Alibaba Group.

Datenschutz? Fehlanzeige

Schattenseite des Erfolgs und zugleich ein Umstand, der vieles möglich macht: der fehlende Datenschutz in China. Daten sind das neue Gold, wissen auch hierzulande die ExpertInnen. Die AsiatInnen müssen nicht einmal danach schürfen sondern bekommen das Gold frei Haus geliefert. Das erklärt, warum der Westen technologisch mittlerweile in puncto Cloud-Computing und künstlicher Intelligenz abgehängt ist.

Beispiel Bonitätsprüfung für einen Hypothekenkredit (dieses Geschäft betreibt der Finanzzweig von Ping An): InteressentInnen beantworten in einer Handy-App standardisierte Fragen. Eine Software analysiert während des Gesprächs Mikroexpressionen, Veränderungen der Gesichtszüge, und Modulationen der Stimme, und entscheidet, ob der Interessent bei der Wahrheit bleibt oder nicht. Die Daten werden selbstverständlich gespeichert und stehen anderen Anwendungen zur Verfügung.

Beispiel Autounfall: Unmittelbar nach einem Blechschaden fotografiert der Fahrer den Schaden mit dem Handy und lädt die Fotos hoch auf die Rechner von Ping An. Dort prüfen die KI-Systeme, ob die beschädigten Teile repariert oder ausgetauscht werden müssen, kalkulieren die Mechanikerkosten, suchen eine Werkstatt in der Nähe des Unfallortes und schicken einen kompletten Kostenvoranschlag zurück aufs Handy des Kunden. Klickt dieser auf OK, wird die Summe überwiesen. Das alles dauert weniger als drei Minuten.
Diese Automatisierung von mehr als sieben Millionen Schadenfällen pro Jahr spart Ping An nach eigenen Angaben rund 750 Millionen Dollar im Vergleich zu einer herkömmlichen Abwicklung.

In der Krankenversicherung geht es ähnlich zu: In den Doctor Boxen von Good Doctor, dem digitalen Gesundheitsdienstleister von Ping An, schildern KundInnen in einer Passbildautomaten ähnlichen Kabine einer KI ihre Symptome. Diese hält häufig verschriebene Medikamente zur Ausgabe bereit und vermittelt gegebenenfalls an einen Arzt oder eine Klinik in der Nähe.

Entwickeln. Nutzen. Und verkaufen.

Das Prinzip dabei ist immer gleich: Rund um das jeweilige Geschäftsfeld entwickelt der Konzern digitale Angebote und sucht dafür Unterstützung in der Start Up Szene. So entstehen Ökosysteme, die weit über das Kerngeschäft hinausgehen (siehe auch → Völlig losgelöst hier im Blog). Im Gegenzug liefern diese Angebote gigantische Datenmengen, mit deren Hilfe sich wiederum neue Geschäftsfelder erschließen lassen.

Zugleich wird die zugrundeliegende Technologie weiterverkauft: Rund zwei Dutzend Autoversicherer haben Lizenzen für die Ping An Schadenabwicklungstechnologie erworben, nahezu 500 Banken nutzen die ursprünglich für eigene Zwecke erworbene Bonitätsprüfung, einige Tausend kleinerer Finanzdienstleister sind auf einer Plattform zusammengeschlossen.

Ökosysteme und Experten

Schon jetzt gehören zu Ping An, dem weitläufigen Technologieunternehmen, Chinas größtes Gebrauchtwagen- sowie ein Klinik-Portal, auf dem die Hälfte aller privaten Krankenhäuser zusammengeschlossen ist.

Darüber hinaus ist Ping An Gesundheitsdienstleister, größter Anbieter privater Krankenversicherungen sowie Vorreiter in Blockchain-Technologie und in der Bonitätsauskunft, weltweit führend mit dem Einsatz von KI-Technologien und der Vorhersage und dem Management von Schadenrisiken.

Möglich machen dies neben den Start Ups aus dem Ökosystem die hauseigenen ExpertInnen: Das sind rund 30.000 ProgrammiererInnen und EntwicklerInnen, 800 DatenanalystInnen und 200 SpezialistInnen für Künstliche Intelligenz.

Die jüngste Expansion hat Ping An nach Deutschland gebracht: Mit 41,5 Millionen Euro hat sich das chinesische Unternehmen Anteile an finleap gesichert, Europas größtem Fintech Company Builder.

Goldene 20er – die Frage ist: Für wen?

Cloud-Computing, Künstliche Intelligenz: Werden die 20er Jahre die Dekade der Asiaten? Erobern asiatische Unternehmen die Versicherungswelt?

Jonathan Larsen, Ping An Group Chief Innovation Officer: “Wir waren von finleaps breiter und tiefer Expertise im europäischen Fintech-Markt beeindruckt und erwarten, dass finleap in der Lage sein wird, sinnvoll auf seinen bestehenden Erfolgen aufzubauen und eine noch bedeutendere Rolle bei der Ablösung traditioneller Finanzdienstleistungen in ganz Europa zu spielen.”

“Die Versicherungsaufsicht bei uns ist sehr anspruchsvoll. Vorgaben der BaFin oder Solvency II erfüllt man nicht mal eben nebenbei,” meint Sebastian Pitzler, Leiter des Kölner Inkubators InsurLab Germany in einem Interview mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Das ist ein Grund, warum sich Ping An zunächst nur mithilfe deutscher Partner auf den hiesigen Markt wagt.

Fabian Nadler, InsurTech-Experte beim Digitalverband Bitkom: „Die Versicherungswelt ist sehr komplex und sehr fragmentiert – und Unternehmen aus allen Ländern setzen verstärkt auf Technologien wie Cloud und Künstliche Intelligenz, die die Branche in den kommenden Jahren mit Sicherheit prägen werden. Daher ist es noch völlig offen, ob asiatische Unternehmen, europäische InsurTechs oder etablierte einheimische Versicherungsunternehmen am Ende die Nase vorne haben werden.“

Und dann ist da noch der europäische Datenschutz, um den uns immer mehr VerbaucherInnen in aller Welt beneiden.

 

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